.PP Heute ist der 12. Dezember 1984. .PP Gestern war Klemens Geburtstag. Wir haben den Tag friedlich mit Badezimmerreparaturen verbracht. Einen Hahn über der Badewanne, welche beständig tropfte, haben wir mit Graphit impregniertem Bindfaden verpackt. Einen anderen Hahn über dem Waschbecken in Klemens Badezimmer haben wir ersetzt. Außerdem haben wir die zweite Kellerpumpe mit dem Abfluss verbunden. Das alles hört sich ausgiebiger and schwieriger an, als es tatsächlich war. .PP Klemens hat diese zwei Wochen Ferien, und ich habe, damit wir die freien Tage zusasammen verbringen konnten, auch meine Termine in der Praxis verschoben, so dass ich beide Wochen frei habe. Aber die freie Zeit bekommt mir nicht gut, denn ich bin ans Arbeiten gewohnt, und muss, wenn ich zufrieden sein soll, beschäftigt sein. Die Klempnerarbeit, die ich beschrieben habe, hat mich ungenügend in Anspruch genommen, und aus Gründen über die ich mir selbst nicht klar bin, kam ich zu nichts anderem. .PP Telephonanrufe hat es in dieser Woche nur sehr wenige gegeben. Heute aber meldete sich ein alter Patient, den ich seit Monaten wegen einer Augenverletzung behandelte und kündigte, dass er seinen Katarakt an stat von mir, von jemand anderem, "einem alten Freunde", operieren lassen würde. Was mich betrübt ist, dass mir diese Ablehnung doch immer noch nicht gleichgültig ist. Ich fühle einen doppelten Schmerz, über die Tatsache ansich und darüber, dass sie mich bedrückt. Nicht, dass ich irgendeine Fehldiagnose gemacht hätte, kein Irrtum meinerseits, kein Versagen, aber dass der Ruhm, dass mein öffentliches Ansehen ungenügend ist um mir meine Praxis zu erhalten, das betrübt mich, und die Frage, warum denn dies nicht der Fall ist, beschäftigt mich. .PP Da muss ich mich der grundliegenden Frage stellen, was es denn mit dem Ruhm an sich hat, ob er mit Fähigkeit in irgend gültigem Verhältnis steht. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich es nicht glaube; mit gutem Gewissen, denn ich bedenke, wie peinlich ich es empfinde, wenn, wie es ab und zu geschieht, mich einer meiner Patienten wegen meines angeblichen Ruhmes lobt. .PP Selbstverständlich weiß ich es nicht, ob es wegen mangelnden Ruhmes war, oder aus anderem Grunde. Aber dass es, die alte Freundschaft zu einem anderen Arzte war, das glaube ich nicht, denn wo wäre denn der Freund sonst die vielen Monate gewesen, während der Nachbehandlung die dem Unfall folgte. Vielleicht dass meine Erklärung der Wahl zwischen den verschieden Behandlungsmethoden Mr. Vanuitert, so hieß er, eingeschüchtert oder geängstigt hat, dass er sich gedrungen fühlte andere Ansichten einzuholen, und dann von einem anderen Arzt stärker beeindruckt wurde. Vielleicht war ich ungeschickt in meinen Ausführungen, vielleicht habe ich nicht genug gelogen. .PP Es ist immer wieder eine Demütigung zu entdecken, in welchem Maße die Selbstachtung vom Urteil anderer abhängig ist. Und wenn nicht die Selbstachtung, dann der Erfolg, der verlangt, dass man den Patienten, wie ein Politiker den Wählern, das sagt und das vorstellt, was sie hören und sehen wollen, Man darf nicht erscheinen, wie man ist. Man darf nicht beschreiben, was man sieht, nicht aussprechen, was man denkt. Das ist nicht eine Eigenschaft allein der medizinischen Praxis heutzutage, Es ist eine Eigenschaft des menschlichen Zusammenlebens, meine ich überall und zu jeder Zeit. .PP Unmittelbar nachdem ich die Nachricht von Mr Vanuiterts Abtrünnigkeit bekomment hatte, fuhr ich mit Klemens in die Vororte, nach Concord, Bedford, Sudbury und Maynard um auszukundschaften ob dort irgend Grundbesitz ein kleines Gut oder eine größere Baufläche zu kaufen wäre, aber was uns angeboten wurde war bei weitem zu teuer, Angebote von hundertfünfzig bis dreihunderttausend Dollar, nur für den Boden, Summen von deren Zinsen man bescheiden leben könnte, und ganz sicherlich keine guten Geldanlagen. Aber Klemens war wie fast immer freundlich und angenehm. Er bat wir möchten mehr deutsch sprechen, was wir dann auch zeitweilig taten. Es war ein bewölkter grauer Himmel, unter dem wir unsere kleine Fahrt machten, aber geregnet hat es nicht. Als es uns offensichtlich wurde, wie teuer die Grundstücke überall waren, es war auch schon spät am Nachmittag, entschieden wir uns zurückzufahren, und unseren Einkauf von Grundbesitz auf einen Zeitpunkt zu verschieben, wo wir selbst mehr Geld haben würden, oder die Landpreise niedriger wären, oder vielleicht beide Umstände einträten. .PP Heute ist der 3. Dezember 1984. .PP Ich bin auf dem Wege zu einem Lebensrettungskurs der heute morgen am Eye and Ear Infirmary gegeben wird. Ich habe mich nur nach langer U#berlegung dazu entschließen können. Zweifel verschiedenster Art mussten überwunden werden. Aber es ist in gewissem Maße verständlich. Während unsere Gesellschaft damit beschäftigt ist Mordwaffen zu schmieden, Giftgase zu brauen, steigert sich unsere Angst um das Sterben zu einem Punkt, wo wir sie kaum noch bewältigen können. Dann verfallen wir zurück in die geistige Haltung des Kindes, und die Atmosphäre der Kindheit umschließt uns. .PP Es ist heute der 5. Dezember. Verschiedenstes das mir beschreibenswürdig erscheint ist in den vergangenen Tagen geschehen. Eine Netzhautablösung bei Mrs D'Agostino die ich mit Silvio Pirquet operiert habe, der CPR Kurs, den ich schon erwähnte, das plötzlich von der Stadt Cambridge geschaffene Park Problem das mich seit letztem Freitag beschäftigt, und dann zuletzt ....