.NH Fragment 093 .PP Die Ethik der Gesellschaft ist notwendigerweise eine andere als die Ethik des Einzelnen. Guenstigenfalles versucht die Gesellschaftsethik die Ansprueche der Oeffentlichkeit mit den Beduerfnissen des Einzelnen zu vereinbaren. Doch gelingt dies stets nur zum Teil, weil die Ansprueche der Gesellschaft den Beduerfnisse des Einzelnen vielfach zuwider sind. Diese Widrigkeit ist die unvermeidliche Konsequenz des naturgegebenen Konfliktes der zwischen den beiden herrscht. .PP Es ist notwendig zwischen dem Inhalt des ethischen Imperativs und seiner Erscheinung zu unterscheiden. Was den ethischen Inhalt, die Substanz also des ethischen Gebotes anlangt, so werden die Forderungen der Gesellschaft oft mit den Anspruechen des Einzelnen uebereinstimmen. Was nun aber die Erscheinung des ethischen Imperativs betrifft, so besteht eine wesentliche Frage, ob es moeglich sei, eine ethisch wertvolle Handlung nach aeusserer, das heisst, gesellschaftlicher Bestimmung zu vollbringen. .PP Gegeben nun, dass eine bestimmte ethisch wertvolle Handlung vorliegt, und dass diese von der Gesellschaft sowohl als vom Einzelnen als wertvoll und notwendig anerkannt wird, und sie wird getan, der Einzelne tut sie. So bestehen drei Moeglichkeiten: Er mag sie als Einzelner nach eigener Bestimmung tun. Er mag sie als Gesellschaftsmitglied nach gesellschaftlicher Bestimmung tun. Er mag sie als Einzelner nach gesellschaftlicher Bestimmung tun. In diesem letzten Falle, muss man fragen, ob er nicht indem er heteronom handelt, seine Autonomie verliert, und ob er es will oder weis oder nicht, stat als Einzelner als Mitglied handelt. .PP Die angefuehrten Beispiele setzen voraus, dass zwischen den Forderungen der Gesellschaft und den Anspruechen des Einzelnen kein Widerstreit besteht. Es laesst sich aber, im Gegenteil, die Behauptung aufstellen, dass die Uebereinstimmung des Anspruchs des Einzelnen mit den Forderungen der Gesellschaft, die ethische Qualitaet von Entscheidung und Handlung gaenzlich aufhebt, und dass in der Tat eine ethische Frage nur besteht, wo die Forderungen der Gesellschaft den Anspruechen des Einzelnen widerstreiten. .PP Wo der Anspruch des Einzelnen mit den Forderungen der Gesellschaft uebereinstimmt, da erscheinen (nur) zwei Schwierigkeiten, und es ist fraglich, ob auch nur eine von ihnen wirklich ethische Bedeutung hat. Die erste Schwierigkeit betrifft die Festellung der Aufgabe, die zweite, die Technik ihrer Abwicklung. Nicht selten liegt die Frage, was muss getan werden, im Halbdunkel. Und die Frage, wie es getan werden sollte, bleibt noch viel oefter unbeantwortet. Und doch haben keine dieser Schwierigkeiten eine ethische Ausdehnung. Sie stellen Beschraenkungen dar, welche die Gesellschaft sowie auch der Einzelne zu ueberwinden sich bemuehen. So sind also an der Frage, wie jemand ein guter Soldat, ein guter Lohnarbeiter, ein guter Beamter oder Richter werden mag, keine ethisch bedeutenden Feststellungen oder Entdeckungen zu machen.